Fernsehen und frühe Sprachentwicklung

Technische Geräte wie der Fernseher scheinen für viele gestresste Eltern inzwischen als Abhilfe für die persönliche Beschäftigung mit dem eigenen Kind zu dienen. Doch Fernsehsendungen können je nach Konzipierung verschiedene „Wirkungen auf Kinder“ haben – sowohl gute als auch schlechte (Rohlfing, 2019: 315). Die positiven Effekte menschlicher Interaktion teilen Fernsehsendungen oft aufgrund ihrer für Kinder unpassenden „Struktur“ nicht (ebd.: 315-316). Gut durchdachten Fernsehprogrammen kann zumindest ein gewisser Teillerneffekt zugesprochen werden, jedoch können solche mit persönlicher Interaktion kaum mithalten, da mit dem TV-Gerät kein gegenseitiger Austausch stattfindet (ebd.: 316). Genauer betrachtet bringt diese Art der Beschäftigung dem Kind in den meisten Fällen nichts anderes, als es ruhig zu stellen und zu unterhalten. Eine Vielzahl an Studien bescheinigt dem Fernsehen sogar zahlreiche negative Folgen hinsichtlich verschiedener Aspekte der Kindesentwicklung.

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Im Gegensatz zu anderen Medien wie beispielsweise Büchern werden dem Fernsehen in Verbindung mit erfolgreicher Sprachentwicklung nur wenig positive Effekte zugesprochen (Rohlfing, 2019: 315). Lerneffekte lassen sich meist nur bei besonders gut konzipierten Sendungen erkennen, die großen Wert auf soziale Interaktion und die Wiederholung von Input legen (ebd.: 316). Doch solche, in denen der Moderator direkt zu den Kindern spricht, sind eher selten (ebd.). Gemeinsames Fernsehen und der gleichzeitige Austausch mit den Eltern („Co-Viewing“) kann allerdings durchaus einen positiven Effekt haben (ebd.: 317). Die meisten Sprachforscher gehen davon aus, dass Kinder von einer intensiven Fernsehnutzung wenig profitieren – vielmehr könnte sie sogar dumm machen (Butzkamm und Butzkamm, 1999: 313). So konnte „bei 80% derjenigen Einjährigen […], die täglich mehrere Stunden“ fernsahen, bereits eine Verzögerung hinsichtlich der Sprachentwicklung gemessen werden (ebd.). Die Qualität von Fernsehprogrammen kann die Entwicklung auf verschiedene Weisen beeinflussen, doch die tatsächliche Zeit, die Kinder vor dem Gerät verbringen scheint das eigentliche Problem zu sein (ebd.: 314). Diesbezüglich zeigt eine Studie der Sprachtherapeutin Sally Ward auf, dass ein Fünftel aller Vorschulkinder durch das Fernsehen, unabhängig vom Programm, beeinträchtigt wird (ebd.). Die permanente vom TV-Gerät erzeugte „Geräuschkulisse“ kann beispielsweise „Hör-, Sprach- und Konzentrationsprobleme“ verursachen (ebd.). Darüber hinaus können Kinder bestimmte Dinge wie aggressive Verhaltensweisen aus Fernsehprogrammen übernehmen (Krcmar, Grela & Lin, 2007: 43). Wie eine umfassende Untersuchung, an der mehr als „5000 [Migrantenkinder] in Florida und Kalifornien“ teilnahmen, zeigt, scheint übermäßiges Fernsehen auch ein Grund für schlechte Noten zu sein (Butzkamm & Butzkamm, 1999: 315). Zunächst hatten die meisten von ihnen bessere Noten als ihre einheimischen Mitschüler*innen, doch „je länger [sie] in [den USA] lebten, […] desto schlechter wurden“ ihre Noten – offensichtlich aufgrund eines erhöhten Fernsehkonsums (ebd.). Der Auslöser des übermäßigen Fernsehkonsums von Kindern sind meist „gestresste Eltern“ (ebd.: 317). Sie versuchen der Belastung durch ihre Kinder aus dem Weg zu gehen, indem sie sie vor das TV-Gerät setzen (ebd.). Doch gerade der verbale Austausch mit den Eltern ist wichtig für die frühe Sprachentwicklung. Was dem Fernsehen fehlt, ist der Mangel an Authentizität (ebd.: 315). Kinder profitieren gerade deswegen von der Interaktion mit anderen Menschen und dem direkten Erleben von Gegenständen, weil sie „Fragen stellen“ und daraus lernen können (ebd.). Laut der Sprachtherapeutin Sally Ward lassen sich Fehlentwicklungen durch nur dreißig Minuten täglicher Eltern-Kind-Interaktion vollständig beheben (ebd.: 315-316). Eltern sollten außerdem darauf achten, dass andere Aktivitäten nicht durch das Fernsehen vernachlässigt werden (ebd.: 314). In jedem Fall sollten Fernsehprogramme aber immer gemeinsam ausgewählt und auch hinsichtlich ihres Wertes und Sinns mit den Kindern besprochen werden (ebd.: 315). Darüber hinaus sind Eltern natürlich in der Pflicht eine Vorbildfunktion hinsichtlich des Umfangs ihres TV-Konsums und der bevorzugten Programme einzunehmen (ebd.). Man kann ja schlecht von seinem Kind verlangen nicht den ganzen Tag fernzusehen, wenn man selbst stundenlang vor der Glotze hängt.

Wie verschiedene wissenschaftliche Studien zeigten, hat eine intensive Fernsehnutzung bei Kindern in den meisten Fällen keinen positiven Einfluss auf den Spracherwerb. Vielmehr kann sie schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes haben. Ein wesentliches Element beim Sprachenlernen ist die Interaktion zwischen Kindern und älteren Gesprächspartnern, da sich Sprache nur durch Kommunikation und gegenseitige Regulierung herausbilden kann. Eltern sollten den Prozess des Spracherwerbs ihrer Kinder also stets begleiten, indem sie ihre Entwicklung durch persönliche Interaktion unterstützen und die Nutzung von Fernsehprogrammen kontrollieren, auch wenn sich das in der heutigen Zeit der digitalen Medien und Streaming-Dienste manchmal schwierig gestalten kann. Das Fernsehprogramm kann, wie wissenschaftlich belegt wurde, den zwischenmenschlichen Austausch hinsichtlich positiver Effekte auf den Prozess der Sprachentwicklung definitiv nicht ersetzen.

Lucas Weidel, Lehramtsstudent im 1. Mastersemester

Quellen:

Butzkamm, W., & Butzkamm, J. (1999). Wie Kinder sprechen lernen: Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen. Tübingen: A. Francke Verlag Tübingen und Basel.

Krcmar, M., Grela, B., Lin, K. (2007). Can Toddlers Learn Vocabulary from Television? An Experimental Approach. Abgerufen 25. März 2020, von https://www.researchgate.net/publication/255659928_Can_Toddlers_Learn_Vocabulary_from_Television_An_Experimental_Approach/download

Rohlfing, K.J. (2019). Frühe Sprachentwicklung. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.