Netiquette an Schulen – Wenn gutes Benehmen zum Luxus wird

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Netiquette – was soll das bitteschön sein? Ein weiteres dieser ach so hippen Jugendwörter? Nicht ganz, denn eigentlich entstammt der Begriff dem letzten Jahrhundert. Zusammengesetzt aus „Net“ für Internet und „Etiquette“ beschreibt er höfliche Umgangsformen, wie sie online üblich sind. Dabei liegt der Fokus auf den Eigenheiten des Internets, wie das Aufeinandertreffen von Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen sowie die technischen Gegebenheiten, die Spammen und das Verletzen der Privatsphäre anderer Leute ermöglichen. Auch wenn es kein einheitliches Regelwerk gibt, sind viele Empfehlungen weitestgehend akzeptiert. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass die Netiquette insbesondere von jungen, unerfahrenen Nutzern missachtet wird.

„Wir hatten in der achten Klasse den Vorfall, dass eine sogenannte Loserliste erstellt wurde, mit allen Namen von verschiedenen Klassen unseres Jahrganges, die als uncool abgestempelt wurden, also als Loser abgestempelt wurden, und dort wurden dann zum Teil auch Kommentare dahinter geschrieben wie fett oder Jude oder hässlich, also ganz ekelhafte Kommentare […].“

Dies ist nur einer der Fälle, der mir bei den Interviews, die ich für meine kleine Forschungsarbeit führte, geschildert wurde. Cybermobbing ist ein Thema an Schulen, seitdem das Internet fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Und immer noch sind wir auf der Suche nach dem richtigen Weg, damit umzugehen. Besonders interessant ist hierbei, was die politischen Vorgaben sind, aber auch, wie diese von Schulen umgesetzt werden. Da in dem Bildungsauftrag des niedersächsischen Schulgesetzes (§2) keine Erwähnung des digitalen Lebensraums vorkommt, verbleibt der Blick auf die alltägliche Realität unseres Bildungssystems.

Für meine kleine Forschungsarbeit stellte ich mir deswegen die Frage, inwieweit die Einführung in die Netiquette als Verantwortung der Schulen wahrgenommen wird. Dafür wurden drei verschiedene Personen, die auf unterschiedliche Weise mit dem Bildungssystem in Verbindung stehen, befragt. Jede dieser Personen kam aus einem anderen Kontext und hatte einen individuellen Blickpunkt als auch unterschiedliche gesammelte Erfahrungen mit dem Thema.

Der Schüler eines Gymnasiums berichtete von pädagogischer Interaktion auf der Online-Plattform seiner Schule und der Aufforderung seitens der Lehrer, sich auch außerhalb dessen im Internet gut zu benehmen. Er hielt diese Maßnahmen für angemessen und war der Meinung, dass eine Intensivierung dieser durch beispielsweise Kurse zum Thema Netiquette keinen Effekt erzielen würde. Eine Sozialpädagogikstudentin berichtete von einem Workshop während ihrer eigenen Schulzeit, der unter anderem gute Umgangsformen online vermitteln sollte, als auch von der Thematisierung von Verstößen gegen die Netiquette seitens der Lehrer im Rahmen eines solchen Vorfalls an ihrer ehemaligen Schule. Sie empfand diese Maßnahmen ebenfalls als angemessen, wünschte sich für die Zukunft aber auch mehr Raum für die Kommunikation über Netiquette an Schulen. Der Lehrer einer Oberschule erzählte von einigen Vorfällen, bei denen sich Schüler*innen mit ihrem Verhalten online strafbar gemacht hatten und der Eingriff seitens der Schule und Polizei erforderlich war. Weitergehend erklärte er, dass an seiner Schule die Vermittlung von Netiquette im unterrichtlichen Kontext nicht vorgesehen sei. Es herrsche ein Handyverbot, dass dem Missbrauch entgegenwirken solle. Zwar sah er die Abwesenheit von anderen Maßnahmen als Defizit an, war aber auch der Meinung, dass Internet- und Handynutzung für Schüler*innen unter 16 Jahren nicht altersgerecht sei und man, um eine Veränderung in deren Verhalten zu erzielen, schon sehr viel investieren müsse.

Die großen Unterschiede zwischen dem Umgang mit der Verantwortung gegenüber dem Ausbilden eines Sinns für Netiquette bei Schüler*innen führen zu der Erkenntnis, dass das Ausbleiben einer Nennung ebendieser im Bildungsauftrag die Schulen in dieser Hinsicht aus der Pflicht nimmt. Es bleibt ihnen selbst überlassen, ob sie sich dem Thema annehmen oder es aus ihrem Bildungsplan streichen. Dabei gibt es gute Gründe für eine Einbindung der Netiquette als Bildungsinhalt in unserer digitalisierten Welt. Die Forschung zeigt, dass sie beim Online-Learning von elementarer Bedeutung ist (Conrad 2002). Sie trägt zu einer guten Gemeinschaft bei, was sich wiederum positiv auf den Erfolg der Zusammenarbeit auswirkt. Des Weiteren wird die Bedeutung eines Mentors, im Falle der Schule die Rolle der Lehrkraft, für den Aufbau und Erhalt einer Netiquette betont (Preece 2004). Auch in den Interviews wurden mehrere Gründe genannt, weshalb Netiquette heutzutage so wichtig ist, angefangen bei der Bedeutung des professionellen Auftretens und des Respekts vor den Mitmenschen bis hin zu der Vernachlässigung guter Umgangsformen aufgrund der Anonymität im Netz und der Gefahr des Missbrauchs. Dass sie trotzdem an vielen Schulen nicht im Lehrplan inbegriffen ist, sollte Anreiz geben, eine Erwähnung der Netiquette im Bildungsauftrag der Schulen zu erwägen. Immerhin ist es Aufgabe der Schulen, die Schüler*innen darauf vorzubereiten, selbstbestimmte Mitglieder unserer Gesellschaft zu sein. Es ist wichtig, klar zu definieren, dass dazu zählt, nicht nur im direkten Umgang, sondern auch online angemessene Verhaltensformen zu kennen und zu befolgen. Diese Interpretation den Schulen selbst zu überlassen, resultiert sonst in einer inkonsequenten Ausführung entsprechend des unterschiedlichen Verständnisses des schulischen Beitrags zur digitalen Bildung und Erziehung.

Beitrag von Hedda Herrmann

Quellen:

Foto: https://www.flickr.com/photos/117242309@N03/12912757604/in/photolist-kF4fXN-fq2UHF-nVPuux-a4dNVX-kjDM74-bZ4E4A-2Yu7f7-gRWYWN-nRBXBU-mRab4t-22PkyUA-ABFrAG-2acZFiW-qZUeMP-N9Uwg9-2fomsxU-vLwdwY-qf5yhR-AD5w9f-aBhjJo-N9Uvfm-DQf76p-e4CeGJ-79KBgG-4nVWos-dwQ8Jb-fiUnGn-dhCawm-r8hpbF-c3X6b1-8WiLYc-a8k6vD-dx3ceN-ee3ain-hS4bvZ-dwQ93h-dkTKuM-eaHjGd-ejTpRy-c929qf-nNe5v7-fazqxt-8sGmuQ-hsBkQU-nNMESW-o8Lkmc-kn82Ft-iiiF4K-dkTQ66-mpzT81

Dianne Conrad (2002). Inhibition, Integrity and Etiquette Among Online Learners: The Art of Niceness. Distance Education, Vol.23, S.197-212.

Preece, J. (2004). Etiquette Online: From Nice to Necessary. Communications of the ACM, Vol.47, S.56-61.

Niedersäschisches Schulgesetz (NSchG) in der Fassung vom 03.03.1998, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 17.12.2019, Nicht amtliche Lesefassung.